Keine Zusammenarbeit mit DiTiB und anderen Islamisten

Am 13. Februar 2016, entsprechend der Dresdner Versöhnungslinie zum Gedenken, erdachte sich die ökomenische Arbeitsgruppe „Flüchtlingshilfe Pirna“ der hiesigen evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde  ein besonderes Schmankerl, indem man den Ableger der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, kurz DiTiB, einlud. Die Veranstaltung mit den Freunden Erdogans, d.h. mit der Gallionsfigur des Islamfaschismus in der Türkei, fand im Gemeindezentrum Pirna-Copitz statt und war mit ca. 70 Personen außerordentlich gut besucht. Um auch wahrlich den Eindruck zu unterstreichen, deutsche Hilfestellung in Sachen Kulturverständnis aufzubringen, fand zusätzlich am 6. März 2016 eine Fahrt in die Dresdner DiTiB Fatih Camii Moschee statt. Abgerundet werden soll das Ganze schließlich am 10. April wiederum in Pirna, mit einem gemeinsamen Besuch der St. Marienkirche. Das es sich dabei um keine kritische Veranstaltung handeln würde, wurde bereits freimütig in der eigenen Postille ausgesprochen:

„Denn es ist an der Zeit, dass Christen und Muslime in Pirna Anteil am Glauben des anderen nehmen. […]   Und jedes friedliche Miteinander setzt einen Dialog voraus. Ziel ist es, mit dem gesamten Dialogforum einen Weg zu eröffnen und zu ebnen, dass sich Christen und Muslime gemeinsam für den Frieden auf der Welt einsetzen.“1

    Dass Frieden beim gelebten Türkentum vor allem Friedhofsruhe meint, scheint die Personen aus der Kirchgemeinde und der Arbeitsgruppe nicht weiter zu stören. Ebenso hat sich augenscheinlich noch nicht rumgesprochen, um ein aktuelles Beispiel zu bringen, dass vor kurzem mehrere Bespitzelungen gegen politische Feinde seitens DiTiB-Imamen durch den Verein eingestanden wurden.

    Allgemein scheint es keine größere Rolle zu spielen, mit wem man dort am Tisch sitzt und was sich diese Kreise unter Dialog vorstellen. Denn dann wäre vermutlich den Menschen der Arbeitsgruppe aufgegangen, dass DiTiB für einen Staat steht, der sich lästiger „Schmarotzer“ und anderer angeblicher Feinde bereits frühzeitig per Vertreibung und Pogrom entledigt hat.

    Vergleichbar mit dem 1916 begangenen Genoizid an den Armeniern, den DiTiB im Übrigen wie andere türkische Verbände bestreitet, verfuhr man mit den Griechen. Diese beiden Gruppen machten zugleich den Großteil der Christen in der Türkei aus, in Zahlen: 1,5 Millionen Armenier (1915) und 1,2 Millionen Griechen (1923). Über die Situation der Juden ganz zu schweigen, welche vor 1948 noch eine Gesamtzahl von 120.000 Menschen ausmachten. Heute machen alle drei Gruppen zusammen nur einen Anteil von gut 0,4 bis 0,5% der Gesamtbevölkerung aus (in Zahlen: ca. 80.000 Menschen), was verdeutlicht, wie „rassisch rein“ die Türkei heute ist. Dabei fanden die letzten größeren Pogrome 1955 im Großraum Instanbul gegen Griechen, Armenier und Juden statt, d.h. in jener Stadt, wo heute die Mehrzahl der genannten Gruppen lebt.

    Was passiert, wenn jemand die Gründungsverbrechen auch nur benennt, war zuletzt am 17. Januar 2017 zu sehen. Garo Paylan von der prokurdischen HDP, sprach den Völkermord, die Massaker und die Vertreibung in der Debatte um die Verfassungsänderungen an.  Er konnte seine Rede allerdings nicht weiterführen, da er durch die Rufe voller Empörung aus den Reihen der islamischen AKP, der nationalistischen MHP und der kemalistischen CHP erst unterbrochen und ihm dann das Rederecht entzogen wurde. Auch der Sitzungspräsident wies ihn darauf hin, dass es keinen Völkermord gegeben habe und er sich bitte berichtigen möge. Oder mit den Worten des Parlamentsvize Aydin: „Ich habe Sie gewarnt: Sie dürfen hier nicht die Nation beleidigen.“2 Fakten kamen gegen das Gebrüll nicht an und das Ende des Liedes war, dass Paylan für drei Sitzungen aus dem Parlament ausgeschlossen wurde. Die historische Dimension, die hierbei anklingt, ist dabei nur die eine Seite.

    Das helle Deutschland

    Die andere ist die ideologische Seite und das nicht nur bei DiTiB, sondern ebenso bei den Veranstaltern, von denen einige oft anzutreffen sind, wenn es gegen die autochtone Naziszene geht. Das mag im ersten Moment erstaunlich anmuten, doch es stellt im Sinne der begonnenen Prämisse des „Aufstands der Anständigen“, heute besser bekannt unter dem Schlagwort „helles Deutschland“ eben keinen Widerspruch dar. Schließlich ist die neue Marschlinie: ökologisch, pazifistisch und dialogbereit3. Die eigenen Schmuddelkinder aus der faschistischen Ecke müssen draußen bleiben, bei den anderen, die schließlich einen „kulturellen Beitrag“ leisten und über den Zweifel erhaben sind, an der Shoah mitgewirkt zu haben, sieht das anders aus. Dies wird sowohl ideologisch als auch wirtschaftlich verdeutlicht, wie die Bittstellungen u.a. in den Iran aufzeigen. Nicht umsonst hegen nicht wenige Deutsche einen Begeisterungsfimmel für die noch reaktionärsten Stammeszusammenschlüsse sowie familiären Zwangskollektive und sehen darin einen authentischen Ausdruck von heimeliger Gemeinschaft, die man hierzulande schmerzlich vermisst.

    Unter diesen Voraussetzungen ist zu verstehen, wenn heute anstatt von Ideologie lieber von Kulturen geredet wird, insbesondere beim Islam. Dies geht einher, dass damit Menschenfeinden den Weg bereitet wird sowie Kritik daran als per se rassistisch abstempelt. Und eben darüber kann man dann auf die Idee kommen, sich mit Befürwortern familiärer Zwangsgemeinschaft an einen Tisch zu setzen. Schließlich ist das ja „deren Kultur“ und somit etwas unumstößliches, quasi natürliches. In Pirna ist man gar nicht auf die Idee gekommen, sich mit Menschen wie Ahmad Mansour oder Mouhanad Khorchide bzw. Personen aus deren Umfeld, die auch beim Islam für eine Trennung von Staat und Kirche, d.h. für eine säkularisierte in letzter Konsequenz individuelle Auslebung der Religion einstehen, in Kontakt zu treten, sondern ist lieber zu DiTiB gegangen. Dadurch wurde speziell ein eigener Beitrag zum Appeasement gegenüber Erdogan und anderen zivilisationsfeindlichen Kräften geleistet.

    Das gelebte Türkentum – Die Gründungsverbrechen der Türkischen Republik

    Dies wiegt mit Blick auf die Entstehung der Türkischen Republik 1923 umso schwerer, die vor allem auf Rassenwahn aufgebaut worden ist. Die zehn Jahre vor der Konstituierung sind nicht nur geprägt von Genoiziden, u.a. dem bereits erwähnten an den Armeniern 1916 oder ebenso an der Ermordung und Vertreibung von Griechen unmittelbar vor der Gründung 1920-1923, sondern auch, dass trotz der tatsächlichen Zäsur, welche die Gründung der Republik mit sich brachte, eine erhebliche ideologische Schnittmenge mit der Zeit davor bestehen blieb. Was auch nicht weiter verwundern kann, schließlich gingen mehrheitlich jene Reformkräfte, welche charakteristisch für die frühe kemalistische Bewegung waren, auf die jungtürkische Bewegung zurück, die den Genoizid an den Armeniern organisiert und vollzogen hatte.

    Dies schlug sich auch praktisch nieder, u.a. in der Stellung der Religion. Entgegen der geläufigen Meinung, der Kemalismus habe den Säkularismus vollständig eingeführt, d.h. die Trennung von Staat und Kirche vollzogen, ist vielmehr nur eine Zurückdrängung des Islam als Ideologie im Sinne der Herrschaftssicherung festzustellen. Dies steht damit im Kontrast zu den gleichsam erlassenen Gesetzen dieser Zeit, u.a. der rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau sowie des offiziellen Verbots der Sharia. Trotz der Zerschlagung enger Verbindungen zwischen Staatsmacht, Sultan und dem Vertreter der Religion, Sheikh al Islam genannt, blieb gerade letztere Position erhalten und wurde auf einen Staatsbeamten nebst eigener Religionsbehörde übertragen. Diese Behörde ist heute unter dem Namen „Amt für religiöse Angelegenheiten“ oder Diyanet-Ministerium bekannt und konnte die letzten Jahrzehnte suksessive seine Machtposition ausbauen. DiTiB wiederum ist der deutsche Ableger ebendiesen Ministeriums.

    Aber auch auf anderer Ebene blieb man ideologisch dem Osmanischen Reich nahe: Bei der Feindbildanalyse. Der Feind wurde wie bereits zuvor als ortsfremd, illoyal der nationalen Sache gegenüber und verräterisch gebranntmarkt. Und eben jene standen nicht außerhalb, sondern im eigenen Land, man konnte ihnen dementsprechend habhaft werden. Deutlich trat dies bei der Sprachreform Ende der 1920er-Jahre hervor, welche die lateinische Schrift einführte und zu einer hohen Alphabetisierung der Bevölkerung beitrug. Ideologisch diente diese Maßnahme gleichermaßen als Stoß gegen die alten islamischen Traditionen und zugleich für die Vereinheitlichung des „Volkes“. Dementsprechend aufgeladen war die Sprachreform: Türkisch ist die alleinige Sprache der Türken und jede andere, die innerhalb der Türkischen Republik gesprochen wird, ist Ausdruck von Verrat, Separatismus und Abkehr vom Türkentum. Und dies wurde von Bürgern auch praktisch umgesetzt, in dem diejenigen gelyncht und verprügelt wurden, die nicht zu den Türken und ihrer Sprache gehörten bzw. sich im Herrschaftsgebiet mit einer anderen verständigten. Betroffen waren in den 1930er-Jahren bei der landesweiten Durchsetzung von Türkisch vor allem die übriggeblieben Griechen und Juden.

    Demnach teilen sich das Osmanische Reich und die Türkische Republik weitgehend ihren Gründungsprozess, der neben Massenmorden vor allem auf der Einverleibung des Eigentums der Ermordeten und Vertriebenen aufbaute. Egal ob 1916 bei den Armeniern, in den 1920er- und 1930er-Jahren beim so genannten Bevölkerungstransfer mit Griechenland oder 1948/49 beim Auszug der übrigen Juden, überall konnte die Türkische Republik Beute machen, was im Nachgang als de facto Notwehr von oberster Stelle ausgegeben wurde. In anderen Worten, es ist völkisch über das Türkentum begründet worden, welches ständig von inneren wie äußeren Feinden umgeben sei, denen man sich erwehren müsse. Dieser kurze geschichtliche Ausschnitt aus der Gründungszeit verdeutlicht, wie wenig ideologisch, sondern nur der Form nach von Demokratien in Europa zu diesem Zeitpunkt übernommen worden war. Damit ist auch zu verstehen, warum fast 100 Jahre nach Gründung der Türkischen Republik bis heute fundamentale Eigenschaften einer bürgerlich-parlamentarischen Demokratie nur teilweise umgesetzt sind.

    Deshalb ist solchen Kräften nicht die Hand zu reichen, sondern sie strikt zu bekämpfen.

2 http://www.tagesspiegel.de/politik/tuerkei-parlament-bruellt-armenischen-abgeordneten-nieder/19270816.html

„Am fünften Tag der Marathondebatte um die Verfassungsänderungen trat Garo Paylan ans Rednerpult, um für eine pluralistische Demokratie zu plädieren. Weit kam er nicht. „Kollegen, zwischen 1913 bis 1923 haben wir vier Völker verloren – die Armenier, die Griechen, die Assyrer und die Juden“, begann Paylan „Sie sind aus diesem Land vertrieben worden, mit Massakern und mit einem Völkermord. Liebe Kollegen…“ Dann musste er seine Rede wegen der vielen Unmutsbekundungen und Zwischenrufe unterbrechen. […]

„In diesem Land hat es nie einen Völkermord gegeben“, schrien Abgeordnete aus den Reihen der islamischen Regierungspartei AKP und der nationalistischen MHP ebenso wie Vertreter der kemalistischen CHP, die sich als sozialdemokratisch versteht. „Hören Sie auf, die Geschichte dieser Nation zu beleidigen!“, brüllte ein Abgeordneter. Schließlich schaltete sich Sitzungspräsident Ahmet Aydin ein. „Kollege Paylan, bitte berichtigen Sie Ihre Worte. Es hat keinen Völkermord gegeben.“

Beschwichtigend wandte sich Paylan abermals an das Plenum. „Sehen Sie mal, Kollegen, wir Armenier waren früher 40 Prozent der Bevölkerung, heute sind wir 0,1 Prozent, irgendetwas muss uns doch passiert sein!“, beschwor er das Parlament. Aber er wurde wieder niedergebrüllt. „Herr Paylan, passen Sie auf, was Sie sagen“, herrschte Parlamentsvize Aydin den Armenier an. „Ich habe Sie gewarnt: Sie dürfen hier nicht die Nation beleidigen.“ Die Sitzung wurde unterbrochen. Anschließend schloss die Volksvertretung mit überwältigender Mehrheit Garo Paylan für drei Sitzungen aus dem Parlament aus. Seine Ansprache, so beschlossen die Abgeordneten, wird aus dem Parlamentsprotokoll gelöscht.“

 

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