Eine Anmerkung zu dem FAU-Statement zur letztjährigen Demonstration in Heidenau

Am 6.10.2016 veröffentlichte die FAU ein kritisches Statement zur Gedenkdemonstration in Heidenau vom 21. August 2016. In diesem kritisierten die Autor_innen mehrere Punkte, insbesondere Auftreten und Zielsetzung der Demonstration. Die angesprochenen Punkte sind in der Tat diskussionswürdig, umso irrierter war dann der explizite Verweis auf eine gerufene Parole mit Bezug auf Sir Arthur Harris.1 Auch wenn vermutlich die Intention war, einen Hinweis darauf zu geben, dass vom Kontext gelöste Parolen oder Sprüche kontraproduktiv sind, klingt nebenher doch der Wunsch mit, sich endlich von einer der letzten, spezifisch zu Dresden, antideutschen Floskeln zu entledigen. Dieser Anschein wird noch dadurch verstärkt, dass der Bezug auf Harris von vielen Anwesenden gar nicht als dominierend wahrgenommen wurde.

Nun stellen Parolen, egal ob gut oder schlecht gelungen, immer eine bewusste Verkürzung des Sachverhaltes dar. Das schriftliche Pendant dazu sind Transparente oder Plakate. In letzter Konsequenz dienen sie je nach Intention der Provokation, dem Herausstreichen der eigenen politischen Positionierung oder nicht selten einfach dem Distinktionsgewinn. Hart gesprochen sind es Worthülsen, deren Erfinder_innen sich bestätigt fühlen, wenn die eigenen Sprüche als treffend auf den Punkt gebracht, thematisch passend oder einfach nur spritzig-witzig empfunden werden und sich im allgemeinen Kanon der Demonstrationssprüche wiederfinden lassen.2 Vielmehr können und sollen Parolen auch nicht. Im besten Falle wird tatsächlich genau der Kern polemisch getroffen. Genau an dieser Stelle bleiben die Autor_innen des FAU-Beitrags stehen, wenn neben der eingangs erwähnten Parole zu Arthur Harris samt einer Fußnote hingewiesen wird und über die im weiteren Artikel noch zu sprechen ist, andere hingegen nicht benannt werden. Wenn unterstellt wird, dass mit dem Parolenruf „militärische Mordphantasien“3 befriedigt oder projiziert werden, sind dann die Parole wie „Kannibalismus gehört zu unseren Riten, esst mehr Antisemiten“ oder der Transpispruch „Kartoffeln schälen“ nicht ebenfalls ein Aufruf zum Mord oder stellt nicht vielmehr die eingangs geschilderte Problematik dar, dass sie unter als peppig-polemisch empfundene Phrasen zu verorten sind.4 Zumindest kam bis jetzt noch niemand auf die Idee, wegen dieser Sprüche Menschen von einer Demonstration auszuschließen.

Aber auch aus historischer Sicht ist der detailierte Eingang auf Arthur Harris irritierend. Bereits die Verlängerung von Harris zur heutigen AfD hinkt, da hierbei ahistorisch Harris nicht als Kind seiner Zeit betrachtet wird. Anders gesagt: Sozialdarwinismus und Biologismus waren kein Alleinstellungsmerkmal bei rechtskonservativen oder faschistischen Menschen, sondern hatten ebenso weite Verbreitung in der Arbeiterbewegung.5 Genau so verhält es sich in diesem Zusammenhang mit den wichtigen Begriffen von Nation und Volk. Dazu ist eine etwas längere Abhandlung notwendig, um auf das Kernproblem hinzuweisen. Das es sich dabei um eine unrühmliche linke Traditionslinie handelte, lässt bereits ein Zitat von Carl Legien von 1894 anklingen: „Der Sozialismus ist eine Naturnothwendigkeit, da sind wir auf einzelne Personen nicht angewiesen“.6 Die Idee eines evolutionären Transformationsprozesses, der in späteren Jahren die Idee der Revolution beerdigte und zugleich beerbte, erfreute sich insbesondere in der SPD, der größten Organisation der deutschen Arbeiterbewegung im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, größerer Beliebtheit.7 Diese Umwandlung lässt sich mit auf Engels, speziell auf seinen verfassten „Anti-Dühring“ zurückführen:

„Während Natur und Geschichte bei Marx unauflöslich ineinander verwoben sind, sieht Engels in ihnen zwei verschiedene ‚Anwendungsgebiete‘ der materialistisch-dialektischen Methode. Dadurch, daß die Momente der Dialektik von den konkret-geschichtlichen Gehalten abgelöst werden […], wird die Dialektik zu dem, was sie bei Marx am allerwenigsten ist, Weltanschauung, positives Weltprinzip.“8

In anderen Worten, ein Großteil der Partei, vor allem die theoretischen Köpfe sowie Teile der Parteispitze sahen in der Geschichte einen zwar lenkbaren,9 aber nicht mehr durch Individuen frei bestimmbaren Prozess. Damit verband sich schließlich die Idee, die sich auch in anderen linken Strömungen widerfinden lässt: Der Weg in den Sozialismus oder in die befreite Gesellschaft war keine Frage mehr des „ob“, sondern nur noch des „wann“. Die SPD vollzog in diesem Zusammenhang wohl am konsequentesten eine Abkehr von der Revolution und den Gang in den Staat sowie ihre Reformpolitik, da sich das Ziel nach deren Auffassung in Zukunft quasi automatisch ergeben werde.

Und genau im Etatismus, den sich später auch der Parteikommunismus auf die Fahnen schrieb, lässt sich zeigen, dass damit die positive Begriffsbesetzung von Nation und entscheidender von Volk einhergingen. Damit wurde jene unheilvolle Beziehung hergestellt, die später gegen FaschistInnen10 in Stellung gebracht werden sollte und nur scheitern konnte.

Stichwortgeber dazu waren in der deutschen Sozialdemokratie die drei Theoretiker Karl Kautsky, Otto Bauer und Eduard Bernstein, die in letzter Konsequenz nicht über die Organisationskonzepte bürgerlicher Theoretiker hinausreichte. Um dies nur kurz anzureißen, einige Erläuterungen und Zitate. Bereits Kautsky formulierte im Blick auf den Gedanken der internationalen Solidarität 1897:

„[…] die Proletarische Internationalität bedeutet nicht Nationslosigkeit, sondern die Freiheit und Gleichheit der Nationen […].“11

Zwar ging Kautsky davon aus, dass sich der Nationalismus in der Zukunft von selbst erledigen werde, er vertrat aber ebenso die Ansicht, dass das wachsende Proletariat mit der Nation in eins falle. Immerhin streicht Kautsky in seinen Überlegungen heraus, dass es sich bei der Nation um ein klassenpolitisches Machtinstrument handelt, dem er nun aber das „Volk“ als den Träger einer gemeinschaftlichen „Kultur“12 gegenüber stellt.

Bauer wiederum geht noch über Kautsky hinaus, indem er dem Begriff der Gesellschaft und den der Gemeinschaft verbindet, was ihn in seinen Analysen zur Nationswerdung tiefer dringen lässt, aber ebenso zu staatsbejahenden Rückschlüssen führt:

„[…] Die Tatsache der Ausbeutung hemmt daher auch das Werden der Nation als Kulturgemeinschaft; sie verhindert die Eingliederung des Arbeiters in die nationale Kulturgemeinschaft […].“13

wobei Bauer noch konkretisiert:

„[…] aber freilich, näher als jemals vorher ist der Tag, an dem diese Massen imstande sein werden, auf die großen Reichtümer Hand zu legen, um die geistige Kultur, das Erzeugnis der Arbeit des ganzen Volkes, auch zum Besitztum des ganzen Volkes zu machen. Dieser Tag ist aber erst der Entstehungstag voller nationaler Kulturgemeinschaft […].“

und abschließend:

„[…] erst durch den demokratischen Sozialismus kann darum die ganze Bevölkerung in die nationale Kulturgemeinschaft einbezogen werden […].“

Bauer verwendete auch den Begriff der „Schicksalsgemeinschaft“, der bei ihm auf den historischen Charakter der Nation hinweisen soll als eine Verbindung von Natur und Kulturgemeinschaft.

Noch weiter trieb es der rechte Rand innerhalb der SPD, bspw. der Hofgeismarer Kreis um Herrmann Heller, der sich an Otto Bauer orientierte. In der Beschreibung des Kreises formulierte Heller:

„Die Nation ist eine endgültige Lebensform, die durch den Sozialismus weder beseitigt werden kann noch beseitigt werden soll. Sozialismus bedeutet keineswegs das Ende, sondern die Vollendung der nationalen Gemeinschaft, nicht die Vernichtung der nationalen Volksgemeinschaft durch die Klasse, sondern die Vernichtung der Klasse durch eine wahrhafte nationale Volksgemeinschaft“.14

Oder knackig in deren Sinne auf den Punkt gebracht:

„Die nationale ist ohne die soziale Volksgemeinschaft nicht zu haben.“15

Deutlich wird, dass in allen Fällen unter „Volk“ bereits eine homogene (Zwangs-)Einheit verstanden wurde. Abweichungen dieses Ideals, wie bspw. die Einwanderungsgesellschaft der USA waren nicht wenigen in der deutschen Sozialdemokratie suspekt:

„[…] aus einem Gemisch aller Kulturvölker bildet sich zum ästhetischen [!] Mißbehagen etlicher urdeutscher Sozialdemokraten die amerikanische Nation mit einem eigenen, keiner anderen Nation gleichen Typus […].“16

Auf parteikommunistischer Seite reicht der Verweis auf Lenins Verständnis vom so genannten Selbstbestimmungsrecht der Nation,17 welches sich ebenfalls an Bauer orientiert. Die praktische Umsetzung dessen in transformierter Form konnte bei der KPD 1923 im Schlageter-Kurs und 1930 in der „Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes“ beobachtet werden, was eben nicht nur auf taktische, sondern ebenso auf ideologische Überzeugungen zurückging. In einem Pamphlet, was im Zuge des neuen Kurses nach der Schlageter-Rede von Karl Radek 1923 veröffentlicht wurde, heißt es u.a.:

„Wir fragen die nationalgesinnten kleinbürgerlichen Massen, die Massen der deutschen Beamten und Intellektuellen, was gedenken sie zu tun gegen eine Regierung, die es wagt, […] sich an die französischen Generale zu wenden mit der Bitte um Erlaubnis der Abschlachtung deutscher Volksgenossen?“18

Das der Volksbegriff als Abgrenzung gegenüber der Bourgoisie oder der abgelehnten Regierung auch in anarchosyndikalistischen Kreisen Einzug gehalten hatte, zeigt sich bereits in der ersten Ausgabe des Syndikalist:

„Die Arbeiter wissen jetzt, daß sie von ihren eigenen Angestellten genau so betrogen wurden, wie das gesamte Volk von der kaiserlichen Regierung.“19

Und Rudolf Rocker, der den deutschen Anarchosyndikalismus wie kein Zweiter seinen Stempel aufgedrückt hatte,20 schrieb mit der Intention gegen jeden Nationalstaat, im Rekurs auf Marx und Engels „[…] daß nicht die nationalen und politischen Abänderungen, sondern die Klassenunterschiede und ökonomischen Gegensätze für die Arbeiterklasse das entscheidende Element seien […]“21 und als Revolution noch denkbar schien, im gleichen Artikel:

„Ein Volk ist das natürliche Ergebnis gesellschaftlicher Organisation, ein Sichzusammenfinden von Menschen, die durch die Verwandtschaftlichkeit der Abstammung [!], durch allgemeine Formen und Eigentümlichkeiten ihrer Kultur und die Gemeinschaftlichkeit der Sprache, Sitten, Traditionen usw. innerlich vorhanden sind. Dieser gemeinsame Zug lebt und wirkt in jedem einzelnen Gliede des Volksverbandes und bildet einen wichtigen Teil seiner individuellen und kollektiven Existenz. Er kann ebenso wenig künstlich gezüchtet als gewaltsam zerstört werden, es sei denn, daß man alle Glieder eines Volkes ausrotte. Ein Volk kann einer Fremdherrschaft unterworfen und in seiner natürlichen Entwicklung künstlichen beeinträchtigt werden, nie aber gelingt es, seine psychologischen [!] und kulturellen Eigentümlichkeiten und Veranlagungen zu ersticken. Im Gegenteil, gerade unter fremdem Joche treten dieselben um so deutlicher hervor und bilden vorzugsweise ein Schutzmittel für die Existenz des Volksganzen.“

Dies verweist darauf, dass auch Personen, welche den Nationalstaat als Konstrukt bzw. Hindernis für eine befreite Gesellschaft ablehnten, dennoch auf einen Volksbegriff rekurrieren konnten und dies auch taten. Damit standen die Anarchosyndikalisten 1918/1919 noch auf Linie mit den Bolschewiki,22 deren Oktoberrevolution allgemein Linken in aller Welt als Identifikationsangebot und -möglichkeit erschien.23 Es dürfte der Nachweis gelungen sein, dass Sozialdarwinismus und Biologismus auch weit in linke Strömungen hineingereicht haben, teils bis 1933 und sogar darüber hinaus, vor allem im Hinblick auf den Antiimperialismus in den 1970er- und 1980er-Jahren.24

Wir möchten mit diesem Abschitt nicht Harris in eine linke Bewegung verorten und sind uns durchaus bewusst, dass dieser Mensch vermutlich kein sehr angenehmer Zeitgenosse war. Seine ideologische Hässlichkeit ist das Eine, anderseits war er zutiefst bürgerlich, denn sonst hätte ihn ja nicht viel daran gehindert bei den FaschistInnen mitzumischen. Summa sumarum ist die Verlängerung von Harris zur heutigen AfD unsinnig, weil diese dann auch auf große Teile der historischen Arbeiterbewegung anwendbar ist. Dieses Problem zeigte sich ja auch darin, dass viele Linke nur wenig inhaltlich Schlagkräftiges den NationalsozialistInnen entgegenzusetzen hatten. Im Gegenteil, durch den Bezug auf einen Volksbegriff ist darin einer der Gründe zu suchen, warum Teile der Arbeiterbewegung zu den Nazis überliefen.25

Es scheint auch gar nicht betrachtet worden zu sein, wer den Nationalsozialismus niedergeschlagen hat. Deutsche kommunistische und anarchistische Gruppen hatten daran im Gegensatz zu den Partisanen in den besetzten Gebieten leider nur einen verschwindend geringen Anteil. Der deutsche Faschismus wurde fast ausschließlich von den offiziellen Truppen der Alliierten und von den eben erwähnten Partisanengruppen niedergekämpft. Als Vertreter eben dieser Anti-Hitler-Koalition agierte Harris, auch als er die 244 Lancaster-Bomber der No. 5 Bomber Group zur ersten Angriffswelle nach Dresden schickte. Dies war also keine speziell englische Aktion, sondern eine Operation der Alliierten, demnach ist der Vorwurf Harris hätte nur die „Interessen seiner Nation“ vertreten an diesem Punkt zu kurzgreifend. Und selbst wenn es ihm um die militärische Effektivität für die ausschließlichen Interessen seiner Nation ging, hat es ja offensichtlich zur Niederlage der Deutschen geführt. Weiteres Ziel war die Herstellung einer bürgerlichen Gesellschaft, ohne die Fehler der Weimarer Republik zu wiederholen, was sich im Übrigen auch in den Berichten des OSS niederschlägt. Dies ist nicht das Nonplusultra, aber laut Marx ist sie die Voraussetzung für den Kommunismus. Aus diesem Grund ist ein Rückfall hinter die bürgerliche Gesellschaft mit allen Mitteln zu verhindern. Daraus einen Vorwurf zu formulieren, ist ahistorisch. Allgemein ist fragwürdig, warum die militärische Effektivität kritisiert wird. Ist nicht gerade diese das, was die offiziellen Truppen von den kleinen Wiederstandsgruppen unterschied und demnach auch ein Merkmal, was zur Niederschlagung des Nationalsozialismus offensichtlich nötig war. Speziell der spanische Bürgerkrieg hat gezeigt, dass der Faschismus ohne militärische Schlagkraft nicht zu stoppen ist.

Die Bombardierung deutscher Städte hat einen Beitrag zum Ende des Krieges geleistet. Durch das Zerstören von Transportwegen, Produktions- und Verwaltungsstädten wurden die Nazis erheblich geschwächt.26 Die FAU scheint der ganzen Bombardierung die Rationalität dahingehend abzusprechen, nämlich die „Heimatfront“ durch das so genannte „moral bombing“ zu zerstören, damit auch die Front zusammen bricht. Das Problem, was sich dabei allerdings darstellte, ist, dass es im „Dritten Reich“ augenscheinlich gar kein bürgerliches Auseinanderfallen in Zivilgesellschaft und Militär mehr gab, sondern ein Ineinsfallen im Sinne der propagierten deutschen Volksgemeinschaft vollzogen war. Deshalb ergab sich nicht die gewünschte Demoralisierung weder der Wehrmacht noch im deutschen Kerngebiet. Diese Verwischung der Grenze von Zivilbevölkerung und Militär zeigt sich spätestens bei Bewegungen wie dem Volkssturm oder den so genannten Wehrwölfen.27 Aber auch schon früher kann dieses Zusammengehen erkannt werden, worauf u.a. die unzähligen Massenorganisationen, derer man sich anschließen konnte, verweisen. Ein Großteil der Deutschen war somit in irgendeiner Weise eingebunden sowie organisiert.

Genau so scheint der Vorwurf: „[es wurde] wichtige Infrastruktur zur Umsetzung der Shoa ganz bewusst und vorsätzlich beim Bombardierungsplan Dresdens nicht als Ziel einbezogen, was tausende Opfer des Faschismus hätte retten können“ nur zum Ziel zu haben, Geschichtskittung zu betreiben.28 Warum sonst wird die Frage zu einer Quelle im FAU-Blog, die diese Aussagen belegen kann, seit dem 10. Oktober 2016 nicht beantwortet? In der Jüdischen Allgemeinen ist in einem ergreifenden Artikel zu lesen, dass

„[der] Angriff auf Dresden […] nicht nur Leben gefordert [hat], er hat auch Leben gerettet – 174 Männern, Frauen und Kindern aus sogenannten jüdischen Mischehen, Rest einer einst großen Gemeinde. Der Deportationsbefehl war auf den 16. Februar 1945 ausgestellt. Aber ‚Unternehmen Donnerschlag‘ hatte den Fahrplan des Holocaust durcheinandergebracht. Einen weiteren Verschickungsbefehl für die Dresdner Juden gab es nicht.“29

Auch das Zitat „Lieber eine Bombe auf den Kopf als nach Auschwitz“30 von einem der überlebenden Juden spricht für sich, auch wenn es nichts über die Quantität der geretteten Leben aussagt, aber dass hat unserer Meinung nach in linker Politik sowieso nichts zu suchen. Es wird den Alliierten vorgeworfen, den Shoah bewusst nicht verhindert zu haben, aber die Berichte des Kuriers der polnischen Heimatarmee, Jan Karski zeigen, dass die Situation eine Andere war. Das Zitat von Felix Frankfurter, einem Freund des US-Präsidenten Theodor Roosevelt verdeutlicht dies:

„‘Mr. Karski,’ he says emphatically, ‘A man like me talking to a man like you must be totally frank. So I must say: I am unable to believe in what I have just heard, in all the things that you have just told me.’“31

Dies zeigt, dass nicht der Unwille ihm zu glauben das Problem war, sondern die Unmöglichkeit sich die komplett irrationale, systematische Vernichtung von Juden vorzustellen, selbst zu dem Zeitpunkt, als die Wehrmacht sich in permanenten Rückzugsgefechten befand. Dies wurde auch später von Karski selbst noch ein mal unterstrichen:

„I spent about an hour in that camp. I came out sick, seized by fits of ausea. I vomited blood. I had seen horrifying things there. Disbelief? You would not believe it yourself, if you saw it.“32

Es ist schade, dass dieser Text nicht noch mehr Diskussionen ausgelöst hat, obwohl er zumindest in der Region eine große Reichweite hatte. Sicher gibt es von anderen Gruppen oder Personen auch Kritik oder Ergänzungen zu einem der angesprochenen Themen. War es nicht lange ein Alleinstellungsmerkmal der Linken, dass diskutiert, kritisiert und sich gestritten wurde? Heute scheint es so, dass jede_r Angst davor hat, Anderen auf den Schlips (oder die schwarze Kapuze) zu treten. Vielleicht ist es das bemerkenswerteste an dieser Nachbereitung zu Heidenau, dass dieses Statement in die linke Wohlfühlgemeinde hinein geschrieben wurde, auch auf die Gefahr hin nicht die gesamte Szene hinter sich zu haben. Und es ist traurig, dass es so gut wie keine öffentliche Resonanz darauf gab.


Es ist leider nicht mehr zu ermitteln, welche genau. Entweder: „Sir Arthur Harris, do it again“ oder „Was tut Deutschland/ Dresden (deutschen Opfern) gut, Bomber Harris und die Flut“. Nicht verschwiegen werden soll, dass davor die Parole „Kühe, Schweine, Ostdeutschland“ als verallgemeinernd kritisiert wird, sprich sich diese Parole ausgesucht wurde, wohl aber mit dem Hinweis, dass es auch andere kritikwürdige Demosprüche gibt.

2 Das erscheint aber immer noch angenehmer als gewerkschaftliche Trillerpfeifenkonzerte des DGB, die anscheinend thematisch oftmals nur Luft anzubieten haben oder irgendwelche Trommelgruppen, die mit ihrem sinnlosen Lärm als kultureller Beitrag verkauft werden.

3 Hier offenbart sich auch ein begriffliches Problem, denn was sind im Gegensatz zum zitierten dann nichtmilitärische Mordphantasien und was unterscheidet diese von den Ersteren.

4 Abgesehen von Sinn oder Unsinn der jeweiligen Aussage.

5 Angemerkt werden muss an der Stelle, dass Sozialdarwinismus und Biologismus positiv gewendet wurden, was beide Ideologeme deswegen keineswegs rationaler macht. Dies war auch kein Alleinstellungsmerkmal der deutschen Sozialdemokratie, wie ein genauer Blick in andere europäische Staaten oder über den Atlantik deutlich werden lässt.

Außerdem möchten wir noch anmerken, dass wir uns fragen: Wo sagt denn die AfD, dass Araber mit „harter Hand“ erzogen werden müssten? Und vor allem, warum wird das gleichgesetzt mit Harris? Darin zeigt sich ein gelinde gesagt weiteres Missverständnis. Harris steht vielmehr in der Tradition des Liberalismus, unter dessen Begriff auch die Methode „Verbreitung der Zivilisation durch Kolonisierung“ fällt. Eventuell wollten die Genoss*innen der FAU auf diese Strömung innerhalb des Liberalismus hinaus als sie Harris mit der AfD gleichsetzten. So fragwürdig dies in der Tat in praktischer Umsetzung auch getan worden ist („Zivilisierte vs. Wilde“), so liegt auch dieser Ausrichtung des Liberalismus ein universalistischer Grundgedanke zugrunde. Deutlich werden diese Überlegungen von Universalität im Sinne von Zivilisationsfortschritt u.a. beim Mitbegründer des Zionismus Theodor Herzl, der dies in seiner pragmatischen Schrift „Der Judenstaat“ festhielt. In eben jener Schrift kommt aber ebenso als Kind seiner Zeit die Klischees über die Araber als rein rückständige Kollektive gegenüber dem europäischen Fortschritt zum Tragen, was auf einen der vielen Widersprüche im Liberalismus als Ideologie hinweist. Daneben betont Herzl aber, das er sich deswegen nicht die Unterwerfung der Araber vorstellte, sondern hoffte im besten Sinne, dass der europäische Fortschritt allen zugute kommen könnte.

Der Unterschied zur AfD liegt auch darin begründet, dass Harris nichts gegen den Liberalismus einzuwenden hatte, der überhaupt erst die Grundlage für die oben genannte Universalität bot. Im Gegenteil, abgesehen von der Ausweisung hier lebender Muslime, hat die AfD gegen den Islam als Leitideologie im arabischen Raum nichts einzuwenden. Sie sieht darin vielmehr einen Verbündeten gegen das, was als westlich verstanden wird. Mit den Worten Björn Höckes: „Der Islam ist nicht mein Feind, unser größter Feind ist die Dekadenz.“ Oder noch deutlicher von Martin Lichtmesz, Autor bei der extrem rechten Sezession, beim „zwischentag“ 2012: „An Liberalismus gehen Völker zugrunde, nicht am Islam!“ (beides zitiert nach Weiß, Volker: Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Hamburg 2017, S. 19, 25).

Zwischen einer Ausweisung aus Deutschland von Muslimen bei gleichzeitigem ideologischen Schulterschluss mit dem politischen Islam und der Frage von Zivilisation in den nahen Osten teils mit militärischen Mitteln hineinzutragen, besteht demnach nicht nur ein zeitlicher, sondern ein kategorischer Unterschied, so kritikabel auch Zweiteres ist. Gelöst wird das aber definitiv nicht durch Gleichsetzung beider Phänomene.

6 Legien, Carl: Protokoll zum Frankfurter Parteitag 1894, S. 73.

7 Vgl. Steinberg, Hans-Josef: Sozialismus und deutsche Sozialdemokratie. Zur Ideologie der Partei vor dem 1. Weltkrieg (2. Aufl.), Bad Godesberg 1969.

8 Schmidt, Alfred: Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx (= zugl. Dissertation), Frankfurt am Main 1962, S. 46.

9 Vgl. Steinberg: Sozialismus und deutsche Sozialdemokratie (a.a.O.), S. 22f., S. 43f.

10 Im Faschismus selbst werden nur die Kategorien männlich und weiblich aufgemacht, weswegen an dieser Stelle nur mit dem Binnen-I gegendert wird.

11 Kautsky, Karl: Der Kampf der Nationalitäten und das Staatsrecht in Oesterreich (2), in: Die Neue Zeit 16(1897-98) 18, S. 557-564, hier S. 560.

12 Der Kulturbegriff stellte zur damaligen Zeit einen wichtigen Bezugspunkt vieler Akteure dar und bezeichnet ein Sammelsorium aus tatsächlichen und vermeintlichen nationalen Errungen- und Eigenschaften, wie etwa Bildung und Kunst aber auch der Stand der jeweiligen gesellschaftlichen Produktivkräfte. Darin hat sich bis heute auch nicht allzuviel geändert. Wie damals ist der Begriff stark normativ, d.h. für ideologische Aufladungen gebrauchbar und damit ein Kampfbegriff par excellence, weshalb er in Anführungsstrichen gesetzt wurde.

13 Bauer, Otto: Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, Wien 1924, S. 92. Alle folgenden Zitate sind diesem Artikel entnommen (S. 94, 101).

14 Heller, Hermann: Sozialismus und Nation, Berlin 1925, S. 35.

15 Zitiert nach Winkler, Heinrich August: Der Schein der Normalität. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1924 bis 1930 (2. , vollständig durchgesehene und korrigierte Aufl.), Berlin 1988.

16 Laufenberg, Heinrich/ Wolffheim, Fritz: Demokratie und Organisation. Grundlinien proletarischer Politik, Hamburg 1915, S. 61.

17 Vgl. Lenin, Vladimir I. (1903): Die nationale Frage in unserem Programm, in: LW Bd. 6 (4. Aufl.), Berlin/ DDR 1968, S. 452-461; Ders.: (1913): Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage, in: LW Bd. 20 (4. Aufl.), Berlin/ DDR 1971, S. 1-37.

18 Dok. Nr. 41: Nieder mit der Regierung der nationalen Schmach und des Volksverrats! (1923), in: Weber, Hermann (Hrsg.): Der deutsche Kommunismus. Dokumente 1915-1945 (3. Aufl.), Köln 1973, S. 140-142.

19 Was wollen die Syndikalisten?, in: Der Syndikalist. Organ der sozialrevolutionären Gewerkschaften Deutschlands, Nr. 1, 14. Dezember 1918, S. 1. Dass das keine so genannte Eintagsfliege war, lässt sich auch gleich noch auf der ersten Seite nachlesen, denn dem Artikel folgt ein Gedicht von Edward Carpenter mit dem bezeichnenden Titel: „Erheb‘ dich, Volk!“

20 An dieser Stelle sei erwähnt, dass mit der Aussage nicht die Mär wiederholt werden soll, dass Geschichte eine (auschließlich) von Männern gemachte sei, sondern nur um den Verweis, dass Rocker als theoretischer Kopf der Freien Areiter-Union Deutschlands (Syndikalisten) (FAUD (S)) einen sehr starken Einfluß auf die gesamte Strömung des deutschen Anarchosyndikalismus nachweislich entfalten konnte.

21 Rocker, Rudolf: Das nationale Einheitsphantom, in: Der Syndikalist. Organ der sozialrevolutionären Gewerkschaften Deutschlands, Nr. 24, 24. Mai 1919, S. 1-2, hier S. 1.

22 Siehe Fußnote 17. Entscheidend ist, dass trotz der Rekurrierung auf einen Volksbegriff die Bolschewiki wie die Anarchosyndikalisten in dieser Zeit dahingehend deckungsgleich waren, dass beide Seiten sich gegen nationalstaatliche Auseinandersetzungen und für den internationalen Klassenkampf aussprachen, siehe auch Rübner, Harmut: Freiheit und Brot. Die Freie Arbeiter-Union Deutschlands. Eine Studie zur Geschichte des Anarchosyndikalismus (= Archiv für Sozial- und Kulturgeschichte, Bd. 5), Köln 1994, S. 34.

23 Hinzu kam, dass trotz aller Seitenhiebe auf den Anarchismus Lenins Schrift „Staat und Revolution“ (siehe Lenin, Vladimir I. (1917): Staat und Revolution, in: LW Bd. 25, Berlin/ DDR 1972, S. 393-507) einigen Einfluß auf Anarchosyndikalisten und Anarchisten ausüben konnte. Die Begeisterung resultierte auch aus einem Nichtwissen über die Vorgänge in Russland selbst, denn zur Verfügung stand weitgehend nur die von den Bolschewiki kontrollierte Presse. Zum Bruch der FAUD (S) mit Moskau kam es nach dem 2. Komintern-Kongreß, wo Augustin Souchy u.a. mit Lenin und Kropotkin mehrere Gespräche führen konnte. Sein Reisebericht führte zu einer Abkehr der deutschen Anarchosyndikalisten von der anfänglichen Begeisterung für die Oktoberrevolution, die spätestens mit dem Bekanntwerden der Verfolgung russischer Anarchisten und der Hinrichtung der aufständigen Matrosen und Bürger Kronstadts 1921 durch die Rote Armee in eine antibolschewistische Haltung umschwang.

24 Aber auch in vielen anderen Bezügen war die linke Bewegung nicht frei von Gruseligkeiten. Dazu nur ein paar Worte zu Pierre-Joseph Proudhon, dieser soll aber nur als Beispiel herhalten, was den Autor_innen des Textes vielleicht etwas mehr zuspricht, als noch mehr Sozialist_innen oder Kommunist_innen. U.a. in seinem Text zur Tauschbank äußerte er antisemitische Ideologeme und auch seine anti-emanzipatorischen Phantasien Frauen gegenüber waren nicht gerade ein Hort von Aufklärung und Humanismus. Trotzdem finden sich bei der FAU immer wieder positive Bezüge auf ihn, und auch Rudolf Rocker verweist gerne auf Proudhon und betitelt ihn als „genialen Menschen“ (www.fau.org/texte/anarcho-syndikalismus/art_030905-071801).

25 Die Wählerwanderung von der KPD und SPD hin zur NSDAP ist nicht zu vernachlässigen, insbesondere Industriearbeiter hatten wenige Berührungsängste mit den Nazis. Laut Schätzungen von Falter/Hänisch waren es gut 2,5 Millionen Wähler aus dem sozialistischen Lager. Siehe: http://hup.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2008/9/chapter/HamburgUP_Schlaglichter_Hitler.pdf

26 Über die Bombardierungspläne kann hier: https://web.archive.org/web/20080911061126/http://aupress.au.af.mil/Books/Davis/Davis_B99.pdf sehr ausführlich nachgelesen werden

27 Das zeigt sich auch darin, dass die überwiegende Zahl deutscher Städte einzeln von den Alliierten erobert werden mussten. Nicht selten wurden Deutsche, die sich ergeben wollten, von den eigenen Volksgenossen hinterrücks erschossen wie bspw. Aachens Bürgermeister Oppenhoff oder die Opfer der „Penzberger Mordnacht“ . Siehe http://www.dasjahr1945.de/category/befreiung-staedte/ und http://www.faz.net/aktuell/politik/70-jahre-kriegsende/2-weltkrieg-ns-werwoelfe-als-adolf-hitlers-letztes-aufgebot-13486140.html

28 Es stellt sich auch die Frage inwiefern dies überhaupt möglich gewesen wäre. „Tatsächlich hatte die Auswertung von Luftaufnahmen bombardierter Gebiete bestürzende Mißerfolge bloßgelegt. Bei Flügen gegen wichtige Ziele im Ruhrgebiet schlug durchschnittlich nicht eine von zehn abgeworfenen Bomben innerhalb des angegebenen Fünf-Meilen-Zielbereichs ein, und im Frühjahr 1942 war bei acht Angriffen gegen das stark geschützte Essen die Treffer-Quote mit 20:1 noch katastrophaler,“ (Stadt für Stadt, Der Spiegel (1965) 50.)

32 http://www.jankarski.net/en/about-jan-karski/jan-karski-life.html. Zu den Ausführungen von Karski, siehe auch die Dokumentation: Der Karski-Bericht (2010).

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