13. Februar – kein Tag der Trauer

Hier noch einmal unser alter Text, etwas überarbeitet zum aktuellen Anlass. Wir sind der Meinung, dass er nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Sehr geehrte_r Bürger_in,

wie alle Jahre wieder jährt sich nun bereits zum 72. Mal die Bombardierung Dresdens und immer noch geht es um ein würdevolles Gedenken. Zugleich soll insbesondere die eingeführte Menschenkette ein Zeichen für Versöhnung und Frieden sein. Doch seit es das Gedenken gibt, ist es fragwürdig wem da eigentlich gedacht wird und was dies zur Identitätsbildung Dresdens aber auch Deutschlands beisteuert. Entscheidend ist, dass trotz der Transformationen in den letzten fünf Jahren beim Gedenken, Dresdner Bürger_innen und Faschist_innen sich den ideologischen Kern bis heute teilen: Die Trauer um vermeintliche deutsche Opfer des Krieges. Doch ein Großteil, dem am 13. Februar gedacht wird, waren aktiv in der propagierten deutschen Volksgemeinschaft und an der industriellen Massenvernichtung von Jüd_innen beteiligt. Dieser Wahn konnte nur durch die Waffengewalt der Anti-Hitler- Koalition beendet werden. Entscheidend ist, dass die deutsche Diktatur, keine Ablehnungs- sondern eine Zustimmungsdiktatur war, d.h. weite Teile der „normalen Deutschen“ waren bereit, an der so genannten „Endlösung“ mitzuwirken. Ohne diese Zustimmung in der Bevölkerung wäre Auschwitz nicht möglich gewesen. Es herrschte weitgehend ideologische Einigkeit, dessen verbindendes Element der antisemitische Wahn war. Und Schuld ist nicht nur eine Frage danach, wer an den Gräueltaten direkt involviert war. Schuld trifft auch jene, die sich an „arisiertem“ und geplünderten Eigentum bereichert, bewusst weggesehen oder geschwiegen haben.

Und genau um jene Deutsche soll mit am 13. Februar getrauert werden. Deshalb ist auch die angesprochene Transformation und der angebliche Schutz vor dem Missbrauch des Gedenkens durch offen faschistische Kräfte nur eine Farce. Der Unterschied zwischen Bürger_innen und Faschist_innen liegt zwischen Versöhnung und Rache, nicht mehr und nicht weniger. Da nützt es auch nichts, wenn heute nicht mehr die Rede von unschuldigen deutschen Opfern ist, unter die ebenso die getöteten Zwangsarbeiter_innen, Jüd_innen und Kinder darunter gezählt werden. Auch kehrte der Krieg nicht zurück oder war ein Folge von Coventry. All dies sind Relativierungen, um die kollektive Trauer legitimieren zu können, obwohl dies teilweise durch die Aufarbeitungen der letzten Jahre doch Risse bekommen hat. Umso vehementer wird deswegen die Läuterung und die Lehre aus der Geschichte vorangestellt, um weiterhin das stille Gedenken begehen zu können. Dazu passt die eingangs erwähnte Menschenkette, die vonseiten der Stadt organisiert wird. Aber auch der „Täterspurenmahngang“ von Dresden Nazifrei trägt unfreiwillig zum Mythos der Reinwerdung Dresdens im Gedenkdiskurs bei. Es wird sich als Symbol für Frieden und Versöhnung geriert, immer mit dem steten Verweis auf die Aufarbeitung der Vorgeschichte der Bombardierung.

Das geschieht aber nur, um darüber unter einem universellen Leidbegriff alle Menschen des Krieges als Opfer und damit auch die Dresdner Bevölkerung zu sehen. In diesem Leidbegriff verwischt die Grenze zwischen den Ermordeten der Konzentrationslager und den Toten der Bombardierungen.

Damit einher geht auch das genannte Gerede von der Rückkehr des Krieges 1945. Deutschland aber startete 1939 einen rassistischen und antisemitischen Vernichtungskrieg, der bewusst ganze Territorien zerstörte und die Bevölkerung in diesen Gebieten auslöschte, um den Plan der „Lebensraumerweiterung“ für die deutsche Volksgemeinschaft zu verwirklichen. Einher ging dies mit der systematischen Registrierung, Deportierung und Ermordung von sechs Millionen europäischen Jüd_innen und dem deutschen Rassewahn, der Sinti und Roma, Homosexuellen und Menschen mit Behinderung das Leben kostete. Und diese Art von Krieg kehrte definitiv nicht nach Dresden zurück. Im Gegenteil, die Bombardierung steht im Zeichen der Niederschlagung des deutschen Faschismus und sollte ein wichtiger Schritt für die Befreiung Europas werden.

Deshalb gilt unsere Erinnerung den Opfern der deutschen Barbarei. Im Gedenken an die Menschen, die in den Vernichtungslagern ermordet wurden und an die Zwangsarbeiter_innen, für die die Bombardierung der Royal Air Force zu spät kamen. Wir gedenken an all jene Kräfte, angefangen bei den Soldat_innen der Anti- Hitler-Koalition über die Partisan_innen bis zu den anderen Widerstandskämpfer_innen, die an der Zerschlagung des deutschen Faschismus beteiligt waren.

Der Gedenkakt praktiziert bis heute die Mär vom zurückkehrenden Krieg und damit einhergehend die indirekte Gleichsetzung von Dresden und Auschwitz sowie im selben Zug die eigene Läuterung inszeniert wird, um als internationaler Mahner auftreten zu können. Das ist inakzeptabel, auch aufgrund des weiter vorhandenen Gesellschaftsklimas in Dresden und Sachsen, wie an PEGIDA und deren Langlebigkeit zu sehen ist. Zugleich war ein weiterer Anstieg fremdenfeindlicher Übergriffe 2016 zu verzeichnen und es herrscht ein allgemein unerträglicher Zustand. Allein das fährt die angebliche Symbolik von Läuterung, Versöhnung und Friedfertigkeit ad absurdum und zeigt, das sich selbst 70 Jahre danach eine faschistische Bewegung in der sächsischen Landeshauptstadt formieren konnte.

Zugleich gibt es dieses Jahr ein Update im Dresdner Versöhnungskitsch in Form der aufgestellten Busse vor der Frauenkirche. So hässlich auf der einen Seite Teilnehmer_innen des wöchentlichen PEGIDA-Aufmarsches teils im NS-Jargon gegen die Installation hetzen, so sehr steht sie auf der anderen Seite  für den bereits kritisierten universellen Leidbegriff und ein komplett ahistorisches Verständnis, denn Dresden ist nicht Aleppo. Oder in den Worten des diesjährigen Aufrufs von Dresden-Nazifrei: „Wenn man heute ‚Parallelen‘ zwischen der Bombardierung Dresdens und dem Krieg in Syrien sehen will, zeigt man nur, dass man immer noch rein gar nichts begriffen hat.“ Allein aufgrund des Vielfrontenkrieges der unterschiedlichsten Banden in Syrien hätte sich bereits von vornherein der so genannte „Brückenschlag“ erledigt gehabt.

Wer es wirklich ernst meint, schreibt nicht die deutsche Identität fort, sondern vollzieht den Bruch mit der Ideologie des deutschen Faschismus und damit ein Bruch mit Deutschland.

Pirnaer Autonome Linke, Februar 2017
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